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Das permanente Grundrauschen

Ach, diese Menschen: Sind sie doch alle Geschichtenerzähler. Besser: Storyteller. Für den einen mag das nach Küche und Dessert klingen, die meisten aber lieben den englischen Wortklang wie das Sounddesign ihres SUV.

Und sie erzählen in Bildern.  Das Motto: Wovon es kein Foto gibt, ist nie geschehen. 

Was ich sagen will: nahezu jeder erzählt heute seine Geschichte,sorry, natürlich seine story: Sequentiert, wohl portioniert aufgezeichnet und „uploaded“ verfolgen wir Banales, Triviales, Komisches, selten Aufregendes. Und doch alles irgendwie in Lifestyle: Schöne Räume, schönes Essen, schöner Sport, schöne Füße, schönes Lachen. Tassen hier, Gläser dort. Der aufgeschlagene Schaum auf dem Milchkaffee darf natürlich nicht ebenso wenig fehlen, wie der Sonnenuntergang hinterm Balkon.  Und wer glaubt, da nicht mithalten zu können, erzählt wenigstens darüber, wie armselig er sich fühlt:  die Hoffnung auf weltweites Mitleid und Mitgefühl ist sein Antrieb.

So lernen wir allmählich die Zahnbürsten dieser Welt kennen, erfahren, dass Max morgens um sieben noch müde ist und Moritz abends um zehn seine Bettdecke aufschüttelt, Annemarie ist mal wieder an der See (die Wellen schlagen an den Strand) und Alexander in den Bergen (wir erfahren es über seine Blasen an den Füßen), Bernd isst ein Brötchen mit Salami(OHA!), Inge mäht Rasen (TZTZTZ!) und Ralf ist beim Fitness (WOW!).  Wir machen privaten Raum öffentlich und stören uns nicht daran, wie uns fremde Menschen zuschauen.  Alles in der Waage: Offensichtlich besteht ebenso großer Drang zum storytelling, wie großer Bedarf am Verfolgen banalster Dinge besteht.  

Inhaltliche Leere ist dabei kein grundlegendes Problem.  Wir sprechen ja auch nicht über den Inhalt, sondern wir nehmen wortgewaltig das Wort „content“ in den Mund. Und: auch ein  Himbeerkuchen auf dem Küchentisch oder eine Kugel Erdbeereis in der Waffel haben Relevanz, immerhin schaffen sie so viel content, um  der Welt gezeigt  Follower zu zeigen und dort draußen ein Herzchen zu ernten.  Die Fortsetzung jener analoger Tagebücher, in denen mit viel Sorgfalt und Umsicht in feinster Schrift Aufzeichnungen gemacht wurden, um sie dann allerdings für die Welt geheim, mit Schlössern zu sichern und unter Kopfkissen heimlich zu lagern.  

So wurde (auch) durch Instagram und Co aus  Schrift das Bild, und aus Heimlichkeit Banalität. Aus „unter-der-Bettdecke-gelebter Gefühle“ wird so am Ende trivialer Lifestyle. Aber alles irgendwie schick und nett dahin arrangiert. Wir leben  die Philosophie „eigentlich habe ich nichts zu erzählen, das aber tue ich laut!“ 

…und natürlich in Permanenz…. 

Den Stream nur nicht abreißen lassen.  

Im Grundrauschen des Netzes bleibt der leise Ton unerhört. 

 

 

 

13 Comments

  1. hallo werner – das ist ein wirklich spannender post, dem ich sehr zwiegespalten gegenüberstehe. einerseits finde ich mich wieder in diesen dingen. sogar sehr. ich gehöre auch zu denen, die ihre banalitäten posten und auch die hoch-momente und manchmal zu denen, die sich nach mitgefühl sehnen. allerdings war mein beweggrund immer der, mich selbst auf die schönen kleinigkeiten des lebens aufmerksam zu machen, die ich aufgrund meiner leicht beschädigten kopfchemie nur allzu oft vergessen habe. mittlerweile finde ich mich wieder in einem wettrüsten der punschkrapfen und gipfelkreuze und irgendwie funktioniere ich noch immer gleich, das rundherum aber ganz anders und ich bin hin- und hergerissen zwischen rückzug aus der neidgesellschaft und trotzigem „ich will mir meinen modus nicht nehmen lassen“.

    die große veränderung in der ganzen geschichte ist vielleicht der beweggrund. erschafft man content für die likes oder möchte man die kleinen schönheiten des lebens festhalten, um sie selbst nicht zu vergessen?

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Hallo Paleica,
      ich klage nicht an, ich verurteile nicht. Jeder macht das, was er für gut und richtig hält. Das soll auch so bleiben. Aber ich mache mir so meine Gedanken. 🙂 Du gehörst ja auch zu jenen, die viel über solche Entwicklungen nachdenken (was ich schön finde).
      Lg,
      Werner

  2. Oh ja ich kann dich gut verstehen, oft kommt genau solch eine Welle des Frustes über mich und ich frage mich was das alles soll. Es ist eine Bühne und wenn man das Spiel nicht mit spielt, will meinen, Kommentare zu irgendwelchem Mist abgibt, dann wird man gemieden. Aktuell versuche ich darüber zu stehen, weil ich mich nicht überwinden kann weiter nett zu sein nur damit Andere auch nett zu mir sind.

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Hallo Patricia,
      „sein Ding zu machen“ oder „darüber zu stehen“ ist grundsätzlich immer ein guter ANsatz!
      Ganz liebe Grüße,
      Werner

  3. Bei mir erweckt das sofort die Frage, was man von einer solchen Art von ’storytelling‘ als Feedback erwartet… …und natürlich das ‚Warum tut man das?’… …anscheinend sind die ‚awesom’s‘, ‚ach wie süß‘ und entsprechenden likes dazu wohl ausreichend. Man erwartet anscheinend gar kein richtiges Feedback mehr… …ist bei der Menge ja auch eigentlich keine Zeit mehr dafür vorhanden… ….es scheint zu reichen auf dieses ursinnig schnell drehende Karussell aufzuspringen, um sich einfach nur zu präsentieren.
    Nun, ich möchte mit meinen Bildern ja auch Geschichten erzählen… …doch ich wünsche mir auch den Austausch. Im Moment betrachte ich ihn als vorhanden, natürlich mit den unterschiedlichsten Intensitäten. Wenn eine Freundschaft daraus entsteht, darf man das glaube ich getrost behaupten. Auch die Menge an Kommentaren finde ich okay, weil sie sich immer in einem Rahmen bewegen, bei dem man Zeit hat sich was mitzuteilen. Das finde ich wichtig… …und das war ja eigentlich auch mein Wunsch und Ziel, warum ich mit dem Bloggen angefangen habe.

    Jetzt wollte ich gerade schreiben: Ist doch okay. Wenn jeder sein persönliches Ziel erreicht hat… …ist doch alles locker und geschmeidig. …hhmm, nur ich denke da steck dummerweise mehr dahinter. Analog dazu beschäftig mich eigentlich immer die Frage, wie sich Kommunikation weiterentwickelt. Es war einmal… ..ein Besuchen ohne Termin, ein Besuchen nach Absprache, nur der Anruf, nur die E-Mail, nur die WhatsApp Nachricht…. …nur was kommt danach?

    LG, Markus

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Markus, ja: Du erzählst Geschichten! Aber du hast auch was zu erzählen. Das unterscheidet dich von den Millionen anderen bei Instagram und Co. Du verfolgst bewußt einen Anspruch, du setzt dich mit Themen auseinander. Und bitte ändere da nichts dran! –
      Lg,
      Werner

  4. Lieber Werner,
    das Leise wieder hörbar machen in einer immer lauter werden Welt, fernab des Streams. Blogs und Inhalte haben sich mit den Jahren verändert wie insgesamt die Kommunikation. Das Mitteilungsbedürfnis liegt gefühlt bei 24/7 mit permanenter Erreichbarkeit und Reaktion. Inzwischen gibt es u.a. einen nie enden wollenden Klick-Like-Tourismus. Liken ohne zu lesen. Vor kurzem las ich einen Artikel von einer Agentur die mit gezielten Fake-Profilen bei Instagram, wo Likes, Follower und Kommentare gekauft wurden, sog. Influencer wurden, was für manche schon ein neuer Traumberuf ist. Andy Warhol wusste schon in den 1960er Jahren: “In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.” Was Liken und Kommentare betrifft, so bin ich kein Mikro-Kommentator der Top, Super, Klasse o.ä. schreibt und viel zu oft fehlt die Zeit auf einzelnen Artikel mit einem Kommentar oder mit Feedback einzugehen. Doch ich besuche die Webseiten direkt und hinterlasse dann gern ein Like.
    Bei Hundespaziergängen sehe ich beispielsweise immer mehr Hundehalter mit Knopf im Ohr oder mit Kopfhörern. Das mag subjektiv sein, fällt mir dennoch auf. Blickt man über den großen Teich, wird es zukünftig schneller und weiter oberflächiger werden und mehr den direkten menschlichen Kontakt, den Dialog und Diskurs, ersetzen. Du hast es oben gut ausgedrückt, dass jeder sein Ding machen sollte. Ich nehme mir digitale Pausen und Auszeiten und dann bleiben mein Feed-Reader oder andere soziale Netzwerke aus. Danke Werner für deinen Gedanken. Denn ich freue mich über jeden Beitrag der sich mit Verstand diesem großen wie emotionalen Thema versucht zu nähern.
    Liebe Grüße,
    Stefan

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Lieber Stefan,
      danke für deine Gedanken zum Thema, bei denen ich mich zu Hause fühle. Mir ist der direkte und bewußte Austausch mit Menschen, der „inhaltsvolle Dialog“ (sei es mit Bildern oder Worten) immer noch lieber, als das gedankenlose „Blättern“ durch die Social Media Welten. Vielleicht bin ich aber auch einfach altmodisch.
      Lg,
      Werner

  5. Ich weiß noch, als ich den ersten Kommentar bekam… fühlte ich mich ertappt… komisches Gefühl, wenn „da draußen“ auf einmal jemand auf mich aufmerksam wird…
    Inzwischen sehe ich das locker, ich schreib triviales, weil ich mir ungern in die Karten schauen lasse. Ich möchte nicht allzu privat werden, weil das für mich auf solchen Plattformen nichts zu suchen hat. Im Prinzip könnte ich es auch ganz lassen, niemand würde mich in der Blogwelt vermissen, aber so ein klein wenig Freude hab ich dann doch an meinem bescheidenen Internetauftritt. Für alles andere muß es dann aber doch eine persönliche Begegnung sein. 😉
    LG kiki

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Doch Kiki, ich würde dich und deine Fotos vermissen.
      Lg,
      Werner

  6. barbara barbara

    Hallo lieber Werner,
    bin nun durch surfen und schauen auf deine Seite gelandet und finde deine Worte und Ansichten sehr erholsam… Im lauten Rauschen der virtuellen Blätter… Im schnellen Drüberlesen und schnellen Schreiben von Herzchen und Smileys….
    Das reflektieren und schauen was es mit einem macht, das Präsent- sein im Netz, auf sozialen Kanälen… Ich werde dem auch immer wieder überdrüssig…. Und im Belanglosen ermüdet das Herz und das Gehirn… Lässt eine Leere des un-be-friedigt-sein zurück. Wo ist die Fülle der Worte hin? Das lebendig-sein? Das In-Frage-stellen, anstelle der immergleiche Selbstgewissheit…

    Dir noch einen schönen Abend und vielen Dank für deinen Blog…
    Barbara

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Vielen Dank.liebe Barbara.
      Lg,
      Werner

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