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Liebe in Zeiten des Internets

Stille 1

Neulich las ich diesen Beitrag  von dem  Fotografen Corwin von Kuhwede. Seither beschäftigt er mich. Nicht ständig, aber doch immer wieder. Immer dann nämlich, wenn ich mich in den Social Media Kanälen im Netz bewege und dort auf die „fotografischen Rampensäue“ stoße: Übersetzte man deren Follower, Likes and whatever in Lautstärke-Dezibel, man hörte bundesweit ein lautes Krakeelen, ja eine deutliche Kakophonie. Und ja, tatsächlich geht es dort nicht mehr um „Fotos“ oder „Fotografie“. Es geht um das Reden genau darüber. Allen Rampensäuen gemein ist dabei, dass sie Sätze formulieren wie „….es gibt einen Markt dafür….“. Ein Satz, der klingt wie das ewige Mantra der Kanzlerin: „wir brauchen Wachstum“. Und tatsächlich sind beide Aussagen geboren aus einer neoliberalen Oberflächlichkeit, die dem EINEN Glauben folgt, dass es uns nur gut gehen müsse (gemeint ist der monetäre Wohlstand), damit alles andere auch gut werde. Zeitgeist-Rhetorik, die weitestgehend nur einem Ziel folgt: Ruhig stellen. 

Stille 2

Auch unsere allseits geliebten Foto-Stars folgen dieser Oberflächlichkeit. Klar, sie leben in und von ihr. Keine Mißverständnisse. Ich verurteile sie nicht dafür. Sie tun das, was sie tun müssen. Sie folgen dem Geschehen des Marktes und verkaufen sich als Produkt auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten.

Ich will Fotografie und bekomme Smalltalk. Und wirklich: es steckt immer weniger Fotografie in der Tüte, stattdessen bekomme ich wohl portionierte Häppchen Marketing und viel „Blabla“(das wir heute so gerne „Storytelling“ nenne). Und das ist so, weil -ihr ahnt es sicherlich- genau: Der Markt dafür da ist. Ein ewiges Perpetuum Mobile. 

Die Fotografin Antje Kröger   hat  während eines Workshops die Frage in den Raum formuliert, warum wir (Fotografen) so anspruchlos an uns selbst geworden sind. Warum geben wir uns mit so wenig zufrieden? Warum reicht uns ein cooler Look, ein schmalbrüstiges Model mit Hirschgeweih im Wald, ein fotografiertes Essen, ein guter Spruch dazu? Ja, warum? Warum genügen uns „Likes“ und „Herzchen“ und warum fangen wir nicht an, uns selbst zu genügen?

Vielleicht ist eine Antwort darauf, weil wir immer auf der Suche nach Anerkennung/Liebe sind. 

Liebe in Zeiten des Internets.

Wir hören Helene Fischer  und nicht Tom Waits.

Das ist nicht schlimm, bringt uns aber nicht weiter. Die erneute Suche nach Anerkennung erfolgt unmittelbar nach dem letzten Like. Wann fangen wir an und suchen sie in uns selbst? 

Stille 3

Seien wir etwas anspruchsvoller an uns (und unsere Fotos) und etwas weniger Social Media.

Es braucht nicht viel dafür. 

 

16 Comments

  1. Lieber Werner,
    Hier mal wieder der kleine Widerspruchsgeist aus dem Süden 👻:
    Dafür braucht es – so glaube ich – doch ganz schön viel: Mut, Durchhaltevermögen, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Verletzlichkeit – nix jedenfalls, was mir immer leichtfiele (und was man irgendwie gut vermarkten könnte)…

    Ansonsten: toller Text!
    Herzliche Grüße
    Katrin

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Liebe Katrin,

      danke für deinen „Widerspruch“ 🙂
      Ist es nicht vor allem wichtig, etwas zu tun, was man selbst mag? Und dabei vll mit sich selbst ins Reine kommen? Die „Schlagerstars“ der Fotografie sind doch (oft) nur laut. Sie und ihrer Follower stellen im Netz einen Mainstream her, der dazu führt, dass alle Fotos gleich aussehen.
      Der „Leise“, „Vorsichtige“, „Zweifelnde“ geht in der Lautstärke dieser Diktion unter. Und das ist so schade. Braucht es so viel Mut, mit dem was an tut, an die Öffentlichkeit zu gehen? Darüber würde ich ja gerne mit die philosophieren.
      Dich trauen: Das wünsche ich Dir!

      Liebe Grüße,
      Werner

      • Lieber Werner,
        das ruft nach einem Holztisch und einem Glas Wein 🍷… aber doch, für mich braucht es Mut, mich verletzbar zu machen. Jede Veröffentlichung ist auch ein wenig ein Blick in mein Herz- oder Seele, zeigt, was mich anrührt und bewegt – wie schmerzhaft wenn da jemand mit schnellem Blick ein ‚langweilig‘ oder ’schon oft gesehen‘ dazu gibt …

        Ich arbeite und lerne, damit zu leben und das zu überwinden (auszuhalten?) – aber es kostet mich jedes Mal Mut!
        Danke daher für Deinen Zuspruch!

        P.S. Früher hab ich nicht mal gezeigt, was ich mache – ein Stück bin ich doch schon weitergekommen 😊

        Liebe Grüße Katrin

  2. gute anregung! (ich höre ehrlich gesagt weder das eine noch das andere). aber ja – ich merke übrigens, wie immun ich gegen clickbaiting geworden bin und wie schnell ich die artikel wegklicke, die für einen markt geschrieben sind.
    alles liebe aus dem äther!

  3. HF HF

    Wie war das eigentlich in den guten alten Zeiten der analogen Fotografie – ohne Flickr, Instagram, Twitter etc.?

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Lieber Hans,

      das war doch sehr schön…. Oder?
      Lg,
      Werner

      • HF HF

        Klar war das schön, Werner!

        „Warum reicht uns ein cooler Look, ein schmalbrüstiges Model mit Hirschgeweih im Wald, ein fotografiertes Essen, ein guter Spruch dazu? Ja, warum? Warum genügen uns „Likes“ und „Herzchen“ und warum fangen wir nicht an, uns selbst zu genügen?“ – weil es um ‚Likes‘ und ‚Herzchen‘ geht. Die, die wegen des coolen Looks fotografieren, oder Models mit Hirschgeweih und ihr Essen ablichten, hätten zu analogen Zeiten wahrscheinlich gar nicht fotografiert. Jetzt geht das so schön einfach, vor allem auch die Publizierung und es gibt auch noch Likes und Herzchen. Und wem das nicht reicht, der fotografiert wieder analog, weil das so schön retro ist und die Fotos so liebenswerte Mängel haben (technisch mangelhaft muss sein, sonst sind die nicht cool!) – und die werden dann gescannt und weiter geht es mit Likes und Herzchen.
        Aber wir sollten locker bleiben, solange uns niemand zwingt, dem zu folgen.
        In diesem Sinne ein schönes Wochenende und viele Grüße,
        HF

  4. Hi Werner,
    den Beitrag vom „von Kuhwede“ hatte ich auch gelesen und er spricht da genau das an was mich schon lange bei allen „ach so tollen“ selbsternannten Fotografen stört – den Kommerz.
    Darüber aufregen mag ich mich nicht, ab und zu falle ich ja sogar auf die reisserischen Aufmacher rein und erstehe das eine Heft, Buch Video usw. – nachher ärgere ich mich dann über mich selbst.
    Was die sozialen Medien angeht, da hab ich mich schon länger etwas zurückgezogen. Meine Facebookseite habe ich gelöscht, Bilder poste ich, wenn überhaupt, auf meiner Website, Flickr, 500px usw. bediene ich nicht mehr und auf meinem Instagramm Account findest Du nur Handybilder von meinem Hund.
    Ich mache Bilder nur noch für mich – wann es mir gefällt, was mir gefällt, wie es mir gefällt und vor allem: so dass ich Spass daran habe.

    Was soll ich noch sagen, ausser: so fühlt es sich für mich richtig gut an.

    lg Jörg

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Lieber Jörg,
      ich habe schon registriert, dass du dich zurück gezogen hast. Woran liegt es? Ist es das Treiben in den social Media Kanälen? Ich selbst habe auch meinen Flickr-Account gelöscht und beschränke (wenn man das so nennen will) mich auf fb und meinen Blog. Auf Instagram gibt es hier und da mal ein Handyphoto, im Vorbeigehen geschossen.
      Ich denke es ist wirklich wichtig, sich mit dem, was man tut, gut zu fühlen.

      PS: Bei dir bedauere ich es ein wenig, so wenig von dir zu sehen.

      Liebe Grüße,
      Werner

      • Hallo Werner,
        schön, dass es Dir aufgefallen ist, wenigstens einem ist es aufgefallen 😉

        Das Warum hat viele Gründe. Primär ist es die Omnipräsente Oberflächlichkeit, die Lebensweisheiten und schlauen Sprüche der Anfang 20er, aber auch die Tatsache, dass viele Menschen Ihr Seelenheil und wohl auch die fehlende Anerkennung in Likes und Kommentaren suchen anstatt in der realen Welt. Aber Online ist das ja auch viel einfacher.
        Ein weiterer Grund ist, dass ich einfach mehr Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbringen möchte, es geht nichts über ein anregendes Gespräch bei einem Glas Wein oder Bier. All das ist mir im Moment einfach wichtiger.
        Einen positiven Nebeneffekt habe ich dabei auch noch festgestellt: trotz nicht allzu aktuellem Inhalt, sind die Zugriffszahlen auf meinem Blog/Website, seit meiner Facebook-Seiten-Abstinenz um mehr als das Doppelte gestiegen. Jetzt muss mir mal einer erklären wofür ich doch diese Facebookseite so unbedingt gebraucht habe?!
        Es hat mich sehr gefreut, dass Du gerne etwas mehr von mir sehen möchtest, ich werde versuchen dem entgegenzukommen, will aber nichts versprechen 😉

        Jetzt reicht das erstmal, bis demnächst.

        lg, Jörg

  5. Hallo Werner, „sich gut fühlen“ ist vielleicht das Wichtigste… das setzt aber voraus, dass man zumindest noch ein Gefühl für sich selbst hat und sich spürt… zu viel Social Media und zu viel Rampensau – da frage ich mich, ob man da noch wirklich bei sich selbst sein kann… … dennoch möchte ich die ganze „Internet-Welt“ auch für Fotografen auf keinen Fall nur verneinen oder beschimpfen, denn über das Internet (meinen Blog) habe ich sehr nette, sehr bereichernde Kontakte geknüpft im Bereich Fotografie UND Menschlichkeit, die ich ohne das nicht hätte… … ich bin aber auch kein Sammler von Likes (auch wenn ich mich über Likes freue, sind es die Kommentare, die mir wichtiger sind… ) und begnüge mich mit meinem Blog… fb und instagram ist mir zu stressig, flickr finde ich so niederschwellig und unaufregend, das geht noch so nebenbei und ohne großen Aufwand… … Also, für meinen Geschmack hat alles immer zwei Seiten… …;-)

  6. Rampensäue & Marktschreier gab es doch schon immer… und oft hat der wer sich am besten vermarkten kann den größten Erfolg. Dies ist & war nie das besondere an der neuen digitalen Welt. Nur… da wir uns jetzt immer öfters alle im Netz auf diversen Plattformen tummeln… sogar mehrere eigene Seiten haben… in zig Gruppen sind… fällt es mehr und uns um so massiver auf.

    Wie man anspruchsvoll ist… hat immer etwas mit dem eigenen Maßstab zu tun. Sol jeder diesen für sich selbst entscheiden. Soll jeder damit um geht… wie er/sie/es für sich richtig hält. Der Maßstab des einen ist nicht der Maßstab des anderen!

    Wichtig ist… dass man dabei mit sich selbst im reinen ist. Ich jedenfalls möchte dies selbst bestimmen und will auch keinen der mir sagt… was richtig ist und wie oft man sich mit seinen Sachen wo tummeln soll.

    Mit netten Grüßen der nöBär

    PS: Persönlich höre ich lieber Waits als helene… aber anderseits sorgen ihre Lieder auf der nächsten Sommerparty für weitaus mehr Stimmung als der Tom. Und damit kann ich durchaus gut leben.

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Hi Du,

      ich sehe es wie du…(einschließlich der Musik von der Helene 🙂 )

      Lg,
      Werner

  7. Ich weiß gar nicht ob es wirklich ein aktueller, zeitgemäßer Effekt ist. Solch ein auftreten hat es wohl schon immer gegeben. ABER, die Bühne dafür ist einfach größer geworden und die Technik bietet eine einfachere Möglichkeit auch zu partizipieren und sich darzustellen. Zum Aspekt der ‚Genügsamkeit‘ meine ich festzustellen, dass es auch Menschen gibt, die endlich eine Möglichkeit und eine Sprache finden sich auszudrücken. Da mag vielleicht auch viel kopiert werden und der eigene Weg vernachlässigt… …aber wenn dieses genügt, ist es wohl so. Da schaffen likes und oberflächliche Kommentare auch Genugtuung und Anerkennung. Ob diese echt ist, bleibt für jeden selbst zu prüfen.

    Habe gestern einen netten Artikel über die HORIZONS Mission im Mai 2018 zur ISS gelesen (zum Start planen wir gerade, wie wir es anstellen in Baikonur dabei zu sein. Muss ich sehen). ‚Unser‘ Astronaut, Alexander Gerst, hat in diesem Artikel kurz umrissen, wie der Name HORIZONS zustande kam: „Seit es Schiffe gibt, haben Menschen versucht und es geschafft Horizonte zu überschreiten.“ – Das gilt auch für Fotografie. Zwicken muss es einen. In uns selbst muss es anklopfen und sich lauthals beschweren. Antreiben muss es und Sehnsucht schaffen.

    LG, Markus

  8. Ich möchte noch einen anderen Aspekt ins Rennen schicken: Was wir veröffentlichen und was wir tatsächlich machen, sind auch zweierlei Dinge. Model-Shootings kann man meist gut präsentieren. Die Fotos von Menschen, die einen wirklich berühren, nicht so oft. Vielleicht bedeuten dem einen Fotos von Magnolien etwas, dem anderen irgendwie besondere Portraits ( wie auch immer man das definieren mag ).

    Aber grundsätzlich geht es dir wohl darum, nicht auf den Zug der likes aufzuspringen, sondern sich frei davon zu machen, zu tun, was einem selbst wirklich gefällt. Da stimme ich dir natürlich zu.

    Zu diesen Fotos habe ich einen Bezug und mag sie sehr, schön, dass du sie so fotografiert hast.

    LG, Conny

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Hallo Conny,

      ehrlich? Viele der in Social Media gezeigten Ergebnisse aus Shootings mit Models sollten besser in der Schublade bleiben (sie sind leider eben nicht gut zu präsentieren, da die Ergebnisse einem glattgebügelten Adobe-Workflow folgen, nachdem das Model affenartige Bewegungen vor der Linse gemacht hat). Das ist in vielen Fällen weniger Fotografie, als… mmh, da fehlt mir das Wort für.
      Und die Dinge, die berühren… Ja, mitunter schwer: Es braucht dafür den Betrachter/Leser, der sich damit auseinandersetzt: Egal was es ist. Auch mit den Bildern von Magnolien. Und diese Menschen gibt es ja. Und ja, da erreicht man nicht die Massen.
      Aber mein Appell richtet sich genau in diese Richtung: Selbstbewußt sein, auf die Massen zu verzichten.

      Lg,
      Werner

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