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Liegen lassen

Warum fällt es uns so schwer, Dinge liegen zu lassen? 

Dabei wissen wir doch: Gute Weine, gute Whiskeys oder Cognacs…. müssen reifen, braucht Zeit. Gleiches gilt für Schinken oder Käse. Und wir legen  genau darauf auch Wert …. und zahlen sogar dafür… Genau: weil eine gewisse Reife für Qualität und Genuss steht.  

Fotos aber teilen dieses Schicksal nicht. Im Gegenteil. Der Trend geht zur Geschwindigkeit. Fotos machen, bearbeiten („entwickeln“), Fotos ins Netz stellen. Oft ein Prozess, der innerhalb weniger Minuten gemacht ist. Wenn es überhaupt so lange Zeit braucht.  – Augenblicke später, spätestens morgen, ist der Moment bereits vergessen. Datenmüll.  

Warum nur diese Ungeduld? Warum erscheint das Veröffentlichen eines Fotos auf facebook oder Instagram oft wichtiger, als das Fotografieren selbst? 

Die Kunst, Dinge reifen zu lassen, ihnen Raum lassen. Weglegen, manchmal vergessen und dann wieder zur Hand nehmen und  zusehen, was geschieht oder geschehen ist. Spüren, was das Foto mit einem selbst macht oder gemacht hat. Oder manchmal auch nur verträumt einem Gedanken nachhängen: „Ach,damals“ 

Ich mag in diesem  Kontext das schöne Wort „entwickeln“ (und nicht nur bei der Handhabung  analoger Filmrollen) – Sich entwickeln: darin schwingt so viel Gutes mit: Zeit, Reife, Gedanken, Wirkung, um nur ein paar von ihnen zu nennen. 

Wie aufregend und schön kann es sein, eine Aufnahme „zur Hand“ zu nehmen (und wenn es virtuell von der Festplatte ist)und sie nach Monaten oder gar Jahren  erneut zu betrachten? Was ist seither passiert? Wie sieht man das Foto jetzt- mit anderen Augen, neuen Erfahrungen? Welche Gefühle schwingen mit? Vielleicht erschließt sich auch erst jetzt der Sinn eines Fotos, von der man sich im Zeitpunkt des Betätigens des Auslösers mehrfach gefragt hat, warum man es eigentlich gemacht hat?

Der Zeit die Zeit geben, reif für eine Fotografie zu sein.   Sich selbst die Chance geben, mit der Zeit nicht nur älter, sondern reifer zu werden und die Welt mit anderen Augen zu betrachten.   

Lassen wir doch Dinge mal liegen. Es tut gut. 

Die Fotos dieses Beitrags eint eines: Sie liegen bereits länger auf meiner Festplatte. 

Hierzu eine kleine Leseempfehlung für ein Buch, das ich länger liegen gelassen habe: LIEGEN LERNEN  – Kein Buch über Fotografie, aber über das Leben 

 

10 Comments

  1. Oli Oli

    Weil du mit dem genuss von Weine etc. keine Likes, keine Anerkennung bekommst. Was zählt ist der schnelle Schuss, das schnelle teilen und viele Likes. Mehr nicht.

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Ja, das ist wohl so. Und das ist traurig. – Danke für deinen Kommentar
      Lg,
      Werner

  2. oh ja, sehr wahr. distanz tut manchmal gut – und die braucht zeit…

  3. Sehr anregender Beitrag… Ich find’s immer spannend, mal ältere Fotos auszukramen und sowohl in Erinnerungen zu schwelgen als auch darin die eigene „Fotokunst“ zu analysieren und ihre Entwicklung zu erkennen…
    Du machst dir immer so viele, gute Gedanken, Werner… denen lässt du bestimmt Zeit zu reifen. Danke für deine immer wieder ruhigen, anregenden, tiefsinnigen Beiträge!

  4. Nein, das ist nicht so, Oli und Werner. Nicht für jeden. Weder der schnelle Schuss zählt für mich noch viele likes. Wer diesem Ruf folgt, muss damit umgehen lernen. Ich nicht. Meine Bilder und meine Gedanken dürfen reifen, dürfen brach liegen, lange unbeachtet und dann wieder aufgegriffen, neu betrachtet, neu gefühlt, oft auch erneut verworfen. Es ist ein Prozess und den lasse ich mir nicht von der Sehnsucht nach öffentlicher Beachtung kaputt machen, genauso wenig wie du, Werner und das ist gut so 🙂

    LG, Conny

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Hallo Conny,

      hat sich vielleicht nicht so aus dem Beitrag erschlossen: Aber ich meine schon eine überwältigende Mehrheit an „Fotografen“und solchen, die sich dafür halten. – Ich sprach weniger über mich. Mich bewegt die Frage, was Menschen umtreibt: Ihre Schnelllebigkeit, ihre Ungeduld, ihr Mitteilungsbedürfnis. In der Fotografie, wo es offenbar vielen dann doch um die Likes und die „Herzchen“ geht, sowie auch grundsätzlich.

      Du bist eine wunderbare Ausnahme, Conny. Aus deinen Fotos spricht die „Langsamkeit des Seins“ – Und das ist richtig gut!
      Lg,
      Werner

  5. sehr gut geschrieben ….lese schon ne weile mit…hab mich heute erst getraut was zu schreiben 😉

    Gruss

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Vielen lieben Dank, Sebastian für dein Feedback!
      Lg,
      Werner

  6. Sehr schöner Gedankenanstoß, Werner. Ich liebe es alte Bilder zur Hand zu nehmen, ob analog oder digital. Egal. Beides hat seinen Reiz. Klar, ein Print in der Hand zu haben ist natürlich ein sehr schönes Gefühl. Deshalb mache ich mir von jedem Jahr ein Fotobuch, um dann ab und zu wieder in den Erinnerungen zu schwelgen. Was war die Motivation zu dem Bild. Wie ist es entstanden? Welche Geschichte wollte ich erzählen? …und siehe da, denn so abwegig ist der Vergleich zum Wein und Whiskey gar nicht, habe ich auch das Gefühl, dass ein Bild gereift ist. Natürlich ist es noch das gleiche Bild wie bei der Fertigstellung. Aber mein Verständnis zu dem Bild ist gereift. Eine Tatsache, die mir bei der Entstehung vielleicht noch gar nicht bewusst war.
    Liebe Grüße, Markus

  7. Sehe ich auch so! Alles muss nur noch schnell gehen, selbst für das – in Ruhe – Nachdenken wird Dir stellenweise keine Zeit mehr eingeräumt. Was sind das nur für Zeiten wo es keinen Platz mehr für Dichter und Denker gibt. Gut das es noch ein paar Lichtblicke und Ausnahmen gibt. Unsere Fotos auf der Festplatte helfen uns jedenfalls einen anderen Weg einzuschlagen.

    Liebe Grüße, Gerd

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