Zum Inhalt springen

Vom Nutzen des Nutzlosen

Ach, was sind wir modern. Ach, was sind wir zeitgeistig. Das Leben online spannend, während offline wenig bis gar nichts los ist. Vor allem aber lieben wir den Nutzen. Alles, was wir tun, muss einem Nutzen folgen. Nichts mehr ist nutzlos. Nutzlos ist Luxus. Nein, schlimmer. Wir wissen nicht (mehr), wie nutzlos geht. 

Wir haben uns selbst optimiert. Und optimieren uns täglich weiter. Es zählt das Optimum: Nutzlosigkeit hat hier keinen Platz. 

Vieles aber hat seinen Platz in unserer Welt um ihrer selbst Willen.

Kunst (eben auch die Fotografie) und Liebe, Stille, Sport und vieles mehr: Nichts davon braucht einen Nutzen. Es geht um ihrer selbst Willen. Uns aber ist gesagt worden, dass alles einem weiteren Zweck folgt. Wir hängen dem Zeitgeist des Neoliberalismus an. Da braucht es den Einzelnen, der sich ständig optimiert und nach dem Nutzen fragt. So sind wir. Wir folgen mit Hochdruck dem Nutzen und verbringen am Ende viel Zeit in Arztpraxen, Kliniken und Sanatorien, um uns davon zu erholen. Am Ende suchen wir die Stille zur Rekonvaleszenz (denn wir werden ja gebraucht und haben einen Nutzen) . Und schon hat die Stille wieder einen Nutzen (den man nun auch wieder -z.B. in Fastenseminaren in Klostern – vermarkten darf). 

Stille

Doch was macht das mit uns? Wir werden zu Zöglingen eines neoliberalen Weltbildes (so nämlich nutzen wir am meisten) und zu tumben Egomanen, denen der Rest der Gesellschaft nahezu egal ist. 

Ein Foto ist ein Foto ist ein Foto. Um seiner selbst willen. Ich fotografiere, weil ich es will, es mir Freude bereitet, mich erfüllt, mich kreativ werden lässt. Wer redet mir dauernd ein, es müsse einem Nutzen folgen?

Aus dem gleichen Grund schaue ich mir ein Gemälde an. Weil ich es mag! Diese Dinge haben zunächst keinen weiteren Nutzen. Sie sind außerhalb jeglicher Kommerzialisierung. Eigentlich.

Wenn da der Mensch nicht wäre. 

Zum Weiterlesen: Hinter den Schlagzeilen

Zum Weiterschauen: Die Anstalt

   

5 Kommentare

  1. HF HF

    ‚Nutzen‘ = „Unter Nutzen (englisch utility) versteht man in der Wirtschaftswissenschaft das Maß an Bedürfnisbefriedigung, das den Wirtschaftssubjekten aus dem Konsum von Gütern und Dienstleistungen entsteht.“ (Wikipedia) ? Insoweit haben auch Sport, Gemälde, Musik etc. einen ‚Nutzen‘, da sie unsere Bedürfnisse nach Unterhaltung, Entspannung, Schönem befriedigen. Ohne Menschen gibt es diese Dinge nicht, auch diesen ‚Nutzen‘ nicht, so wenig, wie es das Sinnvolle, den Sinn des Lebens ohne Menschen nicht gibt.
    Vielleicht sollte man den Satz aus Wikipedia umformulieren in: „Unter Nutzen versteht man im neoliberalen Weltbild den monetären Wert eines Menschen für das Wirtschaftsleben bzw. für die Gewinnmaximierung weniger einzelner Wirtschaftssubjekte.“ – oder so ähnlich.
    Lassen wir uns nicht unterkriegen, Werner, Solange wir noch so Gedanken entwickeln, wie Du sie formuliert hast, ist nicht alles verloren!
    In diesem Sinne, ein schönes Wochenende und eine besinnliche (nutzlose) Adventszeit!
    LG, HF

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Danke für deine Gedanken, lieber Hans. Du weißt, dass es mir um den steten „monetären Nutzen“ geht, ohne den in unserer schönen neuen Welt ja nichts mehr geht.
      Lg und einen schönen Sonntag
      Werner

  2. Mal wieder aus der Seele gesprochen. Vielen Dank dafür.
    Peter

  3. ich habe das gefühl, dass die umgangssprachlichen begriffe, die ein „-los“ enthalten, heutzutage alle ziemlich schwierig sind. zumindest kam mir das am mittwoch auf der uni, denn da haben wir über den begriff „selbstlos“ diskutiert. es kam dann noch ein zweiter ins spiel, ich weiß aber nicht mehr welcher, die quintessenz war jedoch die selbe.
    das problem ist, dass wir alle zu wenig zeit haben für zu viele möglichkeiten. wem es an zeit mangelt, der hat eben keine für dinge, die keinen nutzen bringen. es mag ein segen, aber definitiv auch ein fluch unserer zeit sein.

    • AlleAugenblicke AlleAugenblicke

      Liebe Paleica,
      ich denke, wir haben nicht zu wenig Zeit: WIr haben viele Möglichkeiten und können uns nicht entscheiden. Hohe Variantenvielfalt und mangelnde Entscheidungsfähigkeit: aus beidem zusammen wächst einerseits das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben und andererseits, die Angst, sich mit „nutzlosen“ Dingen zu beschäftigen.
      Beides macht auf Dauer krank.
      Dir einen schönen Sonntag,
      Werner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: