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Die Schuhe meines Vaters

Die Schuhe meines Vaters

Ganz deutlich sehe ich das schwarz Paar Schuhe dort im Flur stehen: Frisch gewienert, auf Hochglanz poliert. Überhaupt sind sie gut gepflegt, wenngleich ihnen anzusehen ist, dass sie viel und oft benutzt worden sind. Doch der reichliche Einsatz schwarzer Schuhcreme und der beinahe tägliche Einsatz von Lappen und Bürste haben ihnen gutgetan. Dieses Paar Schuhe, Größe 43, haben ihren exklusiven Platz vor der billigen Kommode, in der alle anderen Schuhe unserer Familie ihren Platz haben.

Warum ich dieses Bild auf einmal, nach mehr als vier Jahrzehnten, so klar und eindeutig vor mir sehe, weiß ich nicht. Es ist so deutlich, ich meine sogar den eigenartigen Geruch der Schuhcreme, mit der sie geputzt wurden, in der Nase zu haben. Aber warum? Und warum jetzt? So sehr ich auch darüber nachdenke, mir will partout kein Grund einfallen. Nach all den Jahren.

 Warum gerade dieses Paar Schuhe? Es sind die Schuhe meines Vaters. Seine Dienstschuhe zur Uniform. Die Schuhe, die er jahrelang, jeden Morgen aufs Neue schnürte, um sich dann auf den Weg in den Dienst zu machen.

Mein Blick fiel oft auf seine Schuhe, wenn ich an seiner Hand neben ihm ging: abends, nachdem ich auf ihn am Bahnhof gewartet hatte, auf dem Weg nach Hause.

Der Bahnhof lag nicht allzu weit von unserer Straße entfernt. Meine Mutter hatte mich zwei, dreimal dorthin begleitet und dann festgestellt, ich sei wohl alt genug, um dort allein hinzugehen. Seither sagte ich nur kurz Bescheid und machte mich dann auf den Weg.

Ich trieb mich gerne am Bahnhof herum. Der rote Backsteinbau mit seinem kleinen, gekachelten Wartesaal bot spannende Dinge für mich: Den Kaugummiautomaten, der immer wieder mal was auswarf, ohne Geld einzuwerfen, wenn es nur gelang, den schwergängigen Hahn zu drehen. Was selten genug der Fall war. Wenn aber war die Vorfreude groß auf das, was sich beim Öffnen der Klappe im Schacht befinden mochte und dann war aber auch die Enttäuschung ebenso groß, wenn es sich nur um einen albernen Ring mit einem Edelstein aus Plastik handelte. Und was bitteschön, sollte ich mit einem Ring für Mädchen anfangen?  

Blieben die Versuche, etwas aus dem Automaten zu bekommen erfolglos, gab es in der gläsernen Kugel immer was zu sehen. Den Totenkopf zum Beispiel, mit den funkelnden Augen oder die vielen kleinen Figuren. Cowboys oder Indianer, Ritter oder Clowns.

Fand sich sonst draußen hinter dem Haus niemand zum Spielen, trieb mich die Langeweile viel früher als nötig zum Bahnhof:   Ich liebte es draußen vor dem Bahnhof auf die kleine Mauer zu klettern, um von dort den Blick über die Gleise hinweg auf ankommende oder abfahrende Züge zu richten.  Es fuhren zwar nur wenige Züge hier, aber wenn, dann fühlte sich das fast immer nach großem Abenteuer an. Gerade dann, wenn endlos lange Güterzüge durch den Ort ratterten und die minutenlang geschlossenen Schranken für ein kleines Verkehrschaos auf der Hauptstraße sorgten.      

Auf dieser Mauer stehend erwartete ich schließlich meinen Vater. Es dauerte unendlich lange bis der rote Triebwagen endlich am Bahnsteig hielt und die wenigen Menschen ausstiegen.

Darunter mein Vater in seiner Uniform, in der Hand seine schmale und speckige Aktentasche. Ich hatte keine Ahnung davon, was mein Vater tagsüber machte.  „Arbeit“ war ein so abstrakter Begriff für mich wie „Pension“ oder „Miete“, die oft bei uns zu Hause während des Abendbrotes zwischen meinen Eltern fielen.

Er erzählte auch nie von seinem Tag, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart. Sein Tagesinhalt blieb für mich ein großes Geheimnis. Einmal sah ich im Fernsehen Männer, die eine ähnliche Uniform wie mein Vater trugen. Sie trugen dort ein Gewehr um die Schulter und marschierten über eine Straße. Das machte es für mich noch geheimnisvoller. Später fragte ich meinen Vater danach, ob er auch ein Gewehr hatte und auch warum er eine Uniform trug. Da schaute er mich an, streichelte meine Wange uns sagte, davon müsse ich noch nichts wissen. Irgendwann vielleicht einmal, aber nicht jetzt. Und dabei blieb es. Und seine Uniform für mich so normal, wie meine kurze Hose im Sommer.

Fast immer aber pfiff er ein Lied, wenn er über den Bahnsteig auf mich zukam. Dabei hatte er ein Lächeln in seinem Gesicht, wenn er mich mit ohne Worte, nur mit einem Streichen seiner Hand über meinen Kopf begrüßte. Sein Pfeifen und dazu dieses eigenartige Knarren der Schuhe, wenn er die Füße aufsetzte, klingen bis heute in meinen Ohren.

Schließlich nahm er mich an die Hand und sagte, Feierabend, komm wir gehen nach Hause. Dann liefen wir stumm nebeneinander her. Wir redeten nur selten etwas miteinander. Wir liefen über die alte Straße mit dem groben Kopfsteinpflaster bis zum Bahnübergang. Sie hatte keinen Bürgersteig und wir mussten ein wenig aufpassen, denn wir wurden immer wieder von Autos überholt.

Ich ging gerne an der Hand meines Vaters. Sie war groß und warm und ich fühlte mich darin geborgen. Sie war so anders als die meiner Mutter: an ihrer Hand gehen zu müssen, war mir oft unangenehm. Sie zog und zerrte oft an mir, nie ging ich im richtigen Tempo. Entweder war ich zu schnell oder zu langsam. Meist aber war ich zu langsam. Meine Mutter hatte es stets eilig. Ihre Hände übermittelten Befehle.    

Mein Vater aber hatte es nicht eilig. Sein Tempo war gleichmäßig und angenehm zu laufen. An seiner Hand war das Laufen ein Kinderspiel. Ich schaute dabei nach unten, sah auf seine Schuhe und versuchte herauszufinden, an welcher Stelle des Schrittes genau, das Knarren der Schuhe entstand. Doch dies wollte mir nie so recht gelingen. Und irgendwann während unseres stummen Ganges wurde aus dem Knarren der Schuhe und dem Aufsetzen der Absätze auf dem harten Kopfsteinpflaster eine eigene Melodie. 

Wir querten die Bahnlinie und passierten das Hotel König und die Mangelei Everding. Hier und da grüßte mein Vater freundlich einige Leute, die uns entgegenkamen. Schließlich, nur ein paar Minuten später, bogen wir in unsere Straße ein. Jetzt waren es nur noch wenige Meter bis zu unserem Mehrfamilienwohnhaus, in dem wir unsere Wohnung unten links hatten. Manchmal sahen wir jetzt ein paar meiner Freunde, die auf der Straße mit dem Rad fuhren oder auf dem Rasen spielten. Aber nichts zog mich jetzt dorthin.

Dann waren wir zu Hause. Es roch nach Abendbrot. In der Küche war der Tisch gedeckt. Mein Vater zog seine Schuhe aus, stellte sie vor dem Schuhschrank ab, holte das Schuhputzzeug, stellte es daneben, um sie nach dem Abendessen zu putzen.  Dann verschwand er im Schlafzimmer und zog sich um.

So hatte alles seine Ordnung.

So hätte es ewig weitergehen können.

© Werner Pechmann,

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17 Kommentare

  1. Hallo Werner,
    es kommt das Alter, in dem man “Jugendweh” oder auch “Kinderweh” hat? Kenne ich und genieße es, zurückträumen, im sanften Licht der Nostalgie. um daraus Kraft für die Gegenwart zu hohlen. Schön auch “Frisch gewienert” – lange nicht gehört oder gelesen. Wissen heute noch alle, was “wienern” bedeutet?
    Sonnige Grüße in den Kraichgau,
    JoFer

    • AlleAugenblicke

      Vielleicht ist es ein verklärter Blick zurück. Aber es ist das eigene Leben; man fängt wahrscheinlich irgendwann automatisch an, die Dinge zu sortieren und zu benennen.
      Liebe Grüße,
      Werner

  2. Schöne Erinnerung. Was mir neulich auf MEINEM Kindheitsbahnhof bewusst wurde: Im Fußboden war noch zu erkennen, wo früher die Sperre mitten in der Bahnhofshalle war.Da musste man bei Abfahrt und Ankunft nochmal die Fahrkarte vorzeigen. Bei Ankunft konnte man sie gleich bei dem Bahner lassen aber Kinder wurden noch gefragt: “Oder willste noch damit spielen?“ Dann durfte man sogar noch die von Muttern und Oma behalten.
    Als mir das neulich wieder einfiel, fehlte mir die Erinnerung, wann diese Sperre abgeschafft wurde… oid wuan sammor.

    • AlleAugenblicke

      Genau diese kleinen Erinnerungen sind es: Gedankensplitter verbunden mit Bildern, die solche Geschichten auslösen… Ja, das hat wohl was mit dem Alter zu tun. 🙂
      Liebe Grüße,
      Werner

  3. Werner, das war schön. Es ist ein fremdes Leben aber man kann es in den Sätzen wirklich spüren. Ich hab vor einiger Zeit (es sind Jahre) begonnen, lose Erinnerungen aufzuschreiben, auch Geschichten, die sonst keiner mehr erzählen kann. Leider stockt das Schreiben immer wieder. Dein Text führt mir wieder vor Augen, dass ich damit unbedingt weiter machen möchte. Danke!

    Bleib bitte gesund!

    Stefan

    • AlleAugenblicke

      Stefan, bleib dran… Das Schreiben tut gut. Es hilft der Erinnerung auf die Sprünge.
      Bleibt Ihr auch gesund!
      Werner

  4. schön, dich in diese erinnerung zu begleiten!

    • AlleAugenblicke

      Danke fürs Begleiten, Paleica (und das tust du schon so lange!)
      Liebe Grüße und bleib gesund.
      Werner

  5. Oh, ja, eine Geschichte, die in uns allen lebt! Ich kenne diese Zustände nur zu gut. In meinem Fall hängt alles zusammen mit dem Hut meines Dad´s, und mit dem Geruch in seiner Werkstatt. Aber bei aller Wehmut werde ich den Verdacht nicht los, das im vordergründigen Herbeisehnen dieser Dinge doch viel mehr das eigene Loslassen steckt. Mal wieder. Wir stecken mitten im Prozess, Werner 😉

    Den Segen, diese Dinge aufzuschreiben, werden unsere Kinder erkennen. Meine Eltern und Vorfahren haben nie was aufgeschrieben. In jungen Jahren fragt man einfach auch viel zu wenig, und die Älteren erzählen nicht einfach so. Ich sitze heute daher mit einigen wichtigen Fragen, die vor meiner Erinnerung liegen, und es ist niemand mehr da, der sie mir beatworten kann.

    Danke dir für den Erzähl- & Schreibimpuls, und die wunderbaren Fotos!

    Herzlich, Dirk

    • AlleAugenblicke

      Wir stecken im Prozess… wie recht Du hast, Dirk! Danke für deine lieben Worte. So machen wir beide weiter, Erinnerungen zu produzieren für die, die uns folgen.
      Grüße von Herzen,
      Werner

  6. Conny

    Ein gut geschriebener Text mit einer schönen, offenbar nachhaltigen Erinnerung. Wie schön, dass du das so erleben durftest. Mich stimmt das traurig, denn wenn ich an die Schritte meines Vaters denke, konnte ich an ihnen schon in meinen jüngsten Jahren erkennen, wie alkoholisiert er war, das hörte ich daran, wie er die Treppe zu unserer Wohnung nahm. Und ich wusste sehr früh, wann Gefahr drohte. Und meine Mutter und wir Geschwister uns in Sicherheit bringen mussten. Was kann die Kindheit für ein Mist für das Leben sein…… .

    Liebe Grüße

    Conny

    • AlleAugenblicke

      Erinnerungen dieser Art tun mir leid. Ich wünsche jedem Menschen eine wunderbare Kindheit. Das ist -ich weiß – ein Wunschtraum.
      Gute und schlechte Erinnerungen aus unserer Kindheit begleiten uns das ganze Leben. Das ist mitunter -wie in deinem Fall – traurig.
      Liebe Grüße,
      Werner

  7. Stefanie

    Ich hab’s da oft mit Erinnerungsgerüchen ….Himbeergerüche oder der Duft von Brombeeren, die wir eimerweise aus dem Wald holten. Gerüche und Himbeeren und diese Bienensummende Stille trugen wir nach Hause und zerkratzte Unterarme, aber auch diesen Stolz, weil mein kleines, rosa Eimerchen richtig gut voll war. Oder der kristallene Duft einer Quelle, später dann, als ich schon allein im Wald spielen durfte. Da waren auch andere Zaubersachen, Mini-Elfen und Farben-Feen und sowas. Ehrlich, ich hab sie gesehen 🙂 Lieben Dank Werner und Gruß aus dem Wald von Stefanie

  8. Ich danke Ihnen für Ihre Geschichte. Ich habe sie gerne gelesen. Ich mag erinnerte Kindergeschichten, die so schlicht daherkommen, dass man die beim Lesen entstehenden eigenen inneren Bilder fast mit den Händen greifen kann.

    Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag,
    Herr Ärmel

    • AlleAugenblicke

      Vielen Dank, Herr Ärmel. Das freut mich wirklich sehr!
      Ich wünsche Ihnen auch einen wunderbaren Tag!

      Herzliche Grüße,
      Werner

  9. Ich mag das s/w Foto sehr gern! Schön eingefangen!
    Und wirklich schöne Worte, die du dazu gefunden hast.

    • AlleAugenblicke

      Vielen Dank. Das freut mich sehr!

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