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Die Seele der Dinge

Bürste Haushalt Dinge Seele

Die alte Haarbürste, die kaum mehr taugt,  selbst meine dünn gewordene Haarpracht zu zähmen. Der in die Jahre gekommene Reisewecker, ebenso analog wie schmuddelig mit verkratztem Ziffernblatt auf dem kaum mehr was zu erkennen ist.  Die schäbige, über die Jahre farblos gewordene Ledermappe mit ihren abgegriffenen und ausgefransten Ecken. Der alte GEHA-Füller, auf dem man die Menge langweiliger Unterrichtsstunden in meiner Jugend anhand der Zahnabdrücke im Griff ablesen kann. 

Andere schmeißen so etwas weg. Ich nicht. Jedenfalls nicht immer. Bei mir zu Hause füllen sie Ecken. Allein ihr Anblick freut mich. Hin und wieder verweile ich für einen Augenblick vor der Bürste und überlege, was diese Bürste alles schon so gesehen und erlebt haben mag. So genau weiß ich das nämlich auch nicht. Sie stammt noch von meinen Eltern und auch dort gab es sie solange ich denken kann. Sie ist schäbig: der ursprünglich einmal dunkelrot lackierte Holzstiel (ja, ja: kein Kunststoff) ist zwischenzeitlich fast gänzlich abgeblättert. Das Holz, vermutlich durch Wasser und Temperatur im Badezimmer, rau und unansehnlich. Und doch: Ich mag sie.  Ich bin geneigt zu sagen: Ich hänge an ihr. Sie ist seit langem mein Begleiter. Sie gehört zu dir. 

So wie die anderen Dinge auch: Der Wecker, die Mappe, der Füller. Und vielleicht noch der eine oder andere Gegenstand, der sich in Schubkästen und Schränken verstecken mag. Ihnen gemein ist, sie erfüllen keinen Zweck mehr. Sie sind einfach da. Nur so. Jahrelang haben sie ihren Dienst verrichtet: Gebürstet, geweckt, gesammelt, geschrieben.  Längst sind sie nicht mehr zeitgemäß und haben ihre beste Zeit hinter sich. Kunststoffe und Digitalisierung sind eingezogen und haben unsere Welt maßgeblich und nachhaltig verändert. 

Menschen, die mich zu Hause besuchen und sich im Badezimmer am Spiegel über die alte vergammelte Bürste wundern, ist ihre Sorge um meinen Verstand an der Stirn abzulesen. Doch ich kann sie beruhigen. Mein Verstand arbeitet zweifelsfrei und ohne Ausfälle. Vielleicht anders als andere. Aber reibungslos und ohne Störungen.  Für einen Teil meiner Besucher haben diese Dinge keinen Wert. Ihrer Auffassung nach wirft man Gegenstände weg, wenn sie offensichtlich unbrauchbar geworden sind. Ihnen empfehle ich ein Nachdenken über Inhalt und Bedeutung ihrer Werte. Nur ein kurzes Innehalten, nur ein kurzes Überlegen.  Für mich haben diese Dinge tatsächlich einen Wert. Kaum mehr einen monetären, das ist wohl wahr. Aber ist das so wichtig?

Was ist uns wertvoll? 

Die Unüberlegtheit vieler Menschen läßt mich umgekehrt gelegentlich auch an ihrem Verstand zweifeln. 

Ich liebe meine Bürste. Mag sie noch so alt sein. 

Und wer jetzt noch mag, kann hier weiterlesen: 

Vergessen in Wuppertal 

 

       

 

11 Kommentare

  1. Ich habe noch einen alten Mixer… von meiner Mutter… hat sicher 50 Jahre auf dem Buckel und funktioniert. Ich würde mich auch nicht davon trennen, niemals!
    Lg

  2. HF

    Früher war das Haus voll von solchen Sachen, an denen das Leben klebte. Ich habe auch so einige dieser Sachen, und nur ich und diese Sachen wissen, was wir gemeinsam erlebt haben. In einer Konsumgesellschaft sind solche ‘alten’ Sachen natürlich unerwünscht.

    Ein Tipp für die Leser des Blog-Artikels: es lohnt sich, auch “Vergessen in Wuppertal” zu lesen!

  3. Ja, bei uns gibt es auch ganz viele solcher Seelen-Dinge…. die ich immer verteidigen muss wie die Löwenmutter ihr Junges ***lach** – jedenfalls: eine sehr schöne Geschichte!
    LG Karin

    • AlleAugenblicke

      Vielen Dank, Karin. … Ich habe diese kleinen Dinge tatsächlich lieb gewonnen

  4. kiki

    Ein sehr schöner Beitrag, Werner.
    Es zeigt sich oft in solch kleinen Dingen, daß die persönlichen Werte jeden Zeitgeist oder Erneuerung widerstehen. Man nimmt sie in die Hand und schon sind die Erinnerungen ganz nah, als wäre es erst gestern gewesen. Ein schönes Gefühl.
    LG kiki

  5. Hallo Werner,

    ich verstehe dich so sehr. Es gibt sie, die unnützen (manchmal auch unglaublich hässlichen) Dinge. Die uns begleitet haben, manchmal unscheinbar und heimlich, manchmal deutlich und laut, manche Dinge nervten uns wahrscheinlich. Aber wenn sie immer schon da sind, möchte man sie nicht mehr missen. manchmal verschwinden sie und tauchen nach mehreren Jahren wieder auf. Dann gibt es – bei mir – ein Helau und ein Wiedersehen, das sich gewaschen hat. Ich freue mich über wieder aufgetauchte Schätze.

    Ich bin also bei dir und mag deine Zeilen und das Bild sehr.

    Viele Grüße Jürgen

  6. Das hat auch was mit Nachhaltigkeit und Wertschätzung zu tun. Heute ist alles ex und hopp. Die jungen Leute wohnen in ganz wenig – Fotos hat man nicht mehr im Album, sondern auf virtuellen Geräten und wenn man nicht aufpasst ist ein Teil Erinnerung ganz schnell mal weg. Diese Bindung an Gegenstände, die Geschichten, die damit verbunden sind, die Gerüche, Gefühle – Erinnerungen… – Teile, die uns die Vergangenheit mit in die Gegenwart nehmen lassen … – ich kann Dich sehr gut verstehen. Ich glaube es würde ein ganz großes Stück DU oder ICH fehlen, wenn man diese Teile nicht mehr hätte. Pass gut darauf auf …

    LG, Birgit

  7. oh ich kann dich so gut verstehen!! ich hatte eine bleikristallschüssel von meiner oma. durch ein dummes missgeschick ist sie mir zerbrochen und das tut mir bis heute weh. ich habe 3 jahre lang die beiden teile aufgehoben und sogar überlegt, sie zu kleben, aber ich wusste, dass es mich mehr schmerzen würde, sie geklebt zu sehen als sie letztlich wegzugeben.

  8. es gibt so Dinge, auch wenn sie keinen Zweck mehr erfüllen, sind sie einem ans Herz gewachsen. Macht doch auch nichts, solange es nicht zu viele werden und sie uns einengen

  9. Hallo Werner,
    wirklich toll, dass ich durch dein Leseabonnenment bei mir auf foto-paletti deinen Blog kennenlernen darf. Bei dir schlummern so viele ansprechende Blogartikel herum, dass ich mit dem Lesen gar nicht fertig werde.
    Ich habe mich bei unserem Umzug von vielen Dingen verabschiedet, hauptsächlich von Dingen, die mir letztendlich nicht wichtig waren und die ich bis jetzt auch nicht vermisst habe. Nicht so viel herumstehen zu haben, hilft mir beim klaren Denken. Dennoch gibt es immer noch viele liebgewonnene Alltagsgegenstände, an denen ich hänge, obwohl sie schon ganz unansehnlich geworden sind.
    LG Nora

    • AlleAugenblicke

      Herzlich willkommen auf meinem Blog, liebe Nora. (Ich freue mich auch, deinen Blog entdeckt zu haben..)
      Ich kenne das Gefühl, Ballast abzuwerfen und sich von Dingen zu trennen, die belasten aber nicht mehr beglücken. Auch dazu findest du auf meinem Blog einiges.

      Liebe Grüße,
      Werner

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