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Von meiner Einfachheit

Alles kann einfach sein: Ein schöner, sonniger Tag, ein Fahrrad, eine Kamera. Und: natürlich Zeit. Zeit, die ein träger Sonntag mit sich bringen kann. Man muss sie sich nur nehmen: Sie liegt einfach so auf dem Esstisch herum.

Ich begegne auf meiner Fahrt durch den wunderschönen Kraichgau zwei anderen Radfahrern. Ein Bahnübergang zwingt uns zum gemeinsamen Halt. Sie mustern mich mit einem, wie ich es wahrnehme, zart-arrogantem Lächeln. Und erst als die Schranke öffnet und sie mit kräftigen Tritten in die Pedale schnell auf Geschwindigkeit sind und mich hinter sich lassen, macht sich eine Vermutung in mir breit: Das waren richtige Radfahrer: Kleidung, vom Helm bis zum Schuh, farblich abgestimmt, passend zum Rad, und speziell aus teuren Materialien für Rad-Biker entwickelt und (wahrscheinlich billig in Fernost) hergestellt. Nun, da kann ich nicht mithalten. So ein richtiges Rad-Outfit geht mir ab.

An anderer Stelle treffe ich auf einen Fotografen, der seine umfangreiche Ausrüstung auf einem der 1.000 Hügel des Kraichgau ausgebreitet und vor seiner Kamera auf dem Stativ auf das richtige Licht wartet. Wir kommen ins Gespräch, ich oute mich als begeisterten Laien-Fotografen und wir unterhalten uns blendend. Bis zu dem Punkt, an dem ich mich auf seine Frage nach meiner Ausrüstung offenbare und erzähle, dass ich auf meinen Touren ausschließlich meine „kleine“ Kamera und mit einer Festbrennweite („50mm – Oh Gott!“) dabei habe. Dieser Satz beendet das Gespräch recht schnell.

Offenbar machen „Dinge Meister“.

Nun, es muss ein jeder für sich entscheiden, wer er sein will .

Mir liegt viel an Einfachheit, von der ja Friedrich Schiller behauptet haben soll, sie sei das Resultat von Reife. – Ich weiß nicht, ob es so ist.

Doch Dinge einfach zu halten, bedeutet manchmal auch, sie klein zu halten, sich dem „Weniger“ hinzugeben und dem „Mehr“ zu trotzen. Zufrieden sein mit dem was ist.

Wie viele Probleme unserer Welt gründen im „Mehr“ ? Um wie vieles reicher wären wir mit etwas mehr Mut zur Einfachheit?

Ich weiß es nicht. Ich ahne aber, dass wir bedeutend zufriedener wären und die Welt anders aussähe.

Die Fotos dieses Beitrags sind auf einer Tour mit dem Rad durch die Hügel des Kraichgau entstanden. Unter anderem in Eppingen:

Bossert Haus

10 Kommentare

  1. 😂 Herrlich, Deine Gedanken zum Outfit und zur Kameraausrüstung. Ich erlebe diese Blicke auch ab und zu beim Radfahren, Fotografieren und wenn ich erzähle, wie alt meine Lieblingswinterjacke ist.
    Ich denke ja, Menschen wie wir haben es richtig gut! Und wir genießen die Zeit, die wir uns nehmen! 🙋‍♀️
    PS: Ich mag Deine Fotos, die so viel gelassene Nostalgie ausstrahlen!

    • Werner Pechmann

      Vielen Dank. Meine Nostalgie ist nicht selten ein guter Schuss Melancholie.
      Liebe Grüße,
      Werner

  2. Lieber Werner,

    die „Kleider-machen-Leute“-Prinzipien sind teils wirklich schwierig auszuhalten, und ja, es geht längst über die Kleider hianus. Ich glaube, darin steckt oft auch die Identifizierung mit dem jeweiligen Thema, und die Deutlichmachung des Status´. Wer engagiert Sport treibt, auch gerade am Rad, kriegt das je nach Anspruch in Cordhosen und Mephisto-Schuhen „einfach“ allerdings nicht hin, da spreche ich aus eigener Erfahrung. Bedeutsam finde ich, was du auch geschrieben hast. Jeder muss entscheiden, wer er sein will, und das am Besten einhergehend damit, der Vielfalt Raum zu geben. Wenn ich mich so in meinem Umfeld umschaue, resultieren nervige Momente nicht unbedingt nur aus der Tendenz des Immermehrwollens, sondern auch, weil jeder die ultimative Wahrheit gepachtet zu haben scheint, und drauf pocht, das sie es bleibt. Wo das endet, sehen wir ja aktuell mal wieder ;-(

    Deine Gedanken zur Einfachheit kommen gefühlt zur rechten Zeit, und die Fotos mag ich sehr. Vor allem der gelbe Lieferwagen vor dem Fachwerkhaus, das ist ein aufmerksam- und gleichzeitig sensibel machendes Foto, danke vielmals!

    Herzlich, Dirk

    • Werner Pechmann

      Zur Einfachheit gehört auch die Gelassenheit. Auch die im Umgang mit anderen, die anders leben, anders denken und am Ende auch anders sind. In der Gelassenheit übe ich mich noch. Das will nicht immer gelingen. Aber auch hier gilt. Der Weg ist das Ziel.
      Liebe Grüße,
      Werner

  3. Anonymous

    Hallo Werner

  4. ich denke bei sowas gern an ein zitat, das glaube ich helmut newton zugeschrieben wird. als jemand ihn auf seine tolle kamera anspricht und diese quasi auf das ergebnis seiner bilder reduziert vergleicht er es mit einem koch und seinen töpfen. das ist mir in erinnerung geblieben.

    ich fotografiere momentan zu 90% mit dem Smartphone, du liebe Zeit, besser nicht laut sagen 😉 ich halte es ja eher mit antoine de saint exupéry.

    alles liebe aus wien!
    Sophie

    • Werner Pechmann

      Doch: Schrei es ruhig laut raus.:-) . Deine Wienfotos sind es wert, egal womit gemacht!
      Liebe Grüße,
      Werner

  5. Anonymous

    Hallo Werner,
    lass sie schauen und reden…wir wissen es besser…fahre am liebsten mit T-Shirt und alter Jeans mit meinem (zugegebenermassen teuren) Rad….und in meinen Fotokursen sehe ich soviele Leute mit superteuren Ausrüstungen…aber wenn ich mir dann am Ende des Kurses die damit erzielten Bildergebnisse anschaue…und versuche möglichst höflich eine konstruktive Bildkritik an Mann/Frau zu bringen…Technik ist immer mittel zum Zweck und sicher schadet es manchmal nicht ein passendes lichtstarkes Hochleistungsobjektiv in der Tasche zu haben…es geht aber auch ohne…Hauptsache es ist eine Bildidee im Kopf und eine Bildgestaltung im Foto sichtbar ! Lieber Gruss, Jürgen

  6. Ich mag deine Blogbeiträge. Ich kenne die meisten Dinge nur zu gut. Sehr gut geschrieben.
    LG

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